Velina DeMarlet
Lorik

✦ Lorik ✦

Eine Welt voller Magie. Eine Akademie, die Magier ausbildet. Und Schüler, die ihre Magielinie finden müssen, bevor ihre Bindungszeremonie stattfindet.
In Myratha lernt man Magie nicht aus Büchern. Man fühlt sie. Man führt sie. Und irgendwann – wenn man bereit ist – offenbart sie sich.
Lorik ist bereit. Meistens.

Das Buch ist noch nicht erhältlich, aber die Ausbildung an der Akademie hat schon begonnen.

Stand: 14. Juni 2026

Leseprobe ✦ Lorik

(...)

Aus Prillith, dem Ursprung der Klirn,
aus Ilyathar, dem Baum der Lunari,
aus dem Stein von Tor Drok, der die Korlok gebar,
aus Eldras Licht, das die Menschen weckte,
und aus Oroth im Meer, wo die Thalrakar sich formten –
aus all dem entstand Myratha.

Und so nahm sie Gestalt an – durch ihre Kinder, durch das, was sie wurden.
Die Welt war bereit. Und das Leben hatte begonnen.

Die Lehrerin schloss das Geschichtsbuch und ließ die Hand einen Moment drauf liegen. Ein melodisches Glockenspiel erklang – der Unterricht war für heute zu Ende. Stühle wurden gerückt, Bücher und Hefte weggeräumt und Taschen geschlossen. Leise Gespräche durchdrangen das Klassenzimmer. „Lernt die Legende. In zwei Wochen – nach den Thiraval-Feiern – wird der Stoff geprüft.“ Sie ließ den Blick über die Klasse schweifen. Eines der Mädchen saß in Gedanken versunken an ihrem Tisch. In ihrer Hand bewegte sich ein zarter Schimmer und hinterließ feine, glitzernde Tröpfchen auf ihrer Handfläche. „Nyxie, bleib bitte noch kurz. Die anderen können gehen. Ich wünsche euch ein frohes Fest!“
Das Mädchen sah auf. Sie schloss die Hand, der Schimmer verblasste.
„In diesem Raum wird Geschichte unterrichtet. Das hier...“ Sie wies auf Nyxies Hand. „Das hier gehört nicht in diesen Unterricht.“
Nyxie senkte den Kopf. „Es… es war keine Absicht. Es passiert einfach.“
„Das weiß ich. Und genau deshalb möchte ich mit deinen Eltern reden. Du brauchst eine Ausbildung, die wir dir hier nicht geben können. Du gehörst nach Myrrion, an die Akademie.“
„Akademie?“
„Ja, Nyxie. Die Magierakademie.“


Kapitel 1
„Wo ist meine Schreibfeder?“ Nyxie öffnete alle Schubladen ihres Schreibtischs – nichts. Auch nicht zwischen den Büchern und nicht in ihrer Reisetruhe.
„Du hast sie auf deinen Nachttisch gelegt, damit du sie nicht vergisst.“ Nyxies Mutter seufzte. „Komm. Dein Vater ist schon bereit zum Aufbruch.“
Sie zog das Mädchen in ihre Arme. „Ach Kind… Ich werde dich vermissen. Ich hoffe, du schreibst uns oft.“ Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Du bist schon so groß. Du wirst deinen Weg machen, davon bin ich überzeugt.“
„Natürlich, Mutter. Ich bin vierzehn. Ich schaffe das. Und ich werde sicher Freunde finden. Mach dir keine Sorgen.“
„Ich bin deine Mutter – es gehört dazu, sich zu sorgen.“, sagte sie lächelnd und strich ihr eine Strähne aus der Stirn. „Ich bin so stolz auf dich, Nyxie. Ich kenne nicht viele Klirn, die so begabt sind, dass sie an der Akademie aufgenommen werden.“
Sie zog ihre Tochter in die Arme und drückte sie kurz. „Komm. Lassen wir deinen Vater nicht warten.“
Nyxie nahm die Schreibfeder und schloss die Reisetruhe. Das Zimmer wirkte plötzlich viel größer. Das Bett war gemacht, die Regale leerer als sonst. Auf dem Fensterbrett lag noch der glatte, fast herzförmige Stein mit dem Loch, den sie im Bach gefunden hatte. Sie griff danach und steckte ihn in ihren Beutel.
Unten wartete ihr Vater bereits. Das Lastmobil ratterte leise im Hof, blaugrüne Magiefunken blitzten aus zwei Ventilen. Nyxie verstaute ihre Reisetruhe zwischen den Geräten und Werkzeugen der mobilen Werkstatt und quetschte sich dann auf den Vordersitz.
„Alles da?“, fragte er.
Nyxie nickte.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Nyxie drehte sich zu ihrer Mutter um, die verstohlen mit einem Taschentuch über ihre Augen wischte und ihr winkte, bis sie hinter der nächsten Kurve verschwunden waren.

✦ ✦ ✦

Iluna saß auf dem Boden ihres Zimmers und band die Schnüre ihrer Stiefel sorgfältiger als nötig. Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt und betrachtete sich im Spiegel. Dann griff sie nach einem schwarzen Stift und zog damit ihre Augen nach. Zufrieden nickte sie und steckte ihn in ihre Tasche.
„Iluna“, sagte ihre Mutter von der Tür aus. „Wir müssen los.“
„Ich weiß“, antwortete Iluna ruhig. „Ich komme gleich.“
Iluna strich sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre blauen Augen wirkten ernst. Auf dem Bett lag ihre Reisetasche, ordentlich gepackt. Iluna hatte darauf geachtet, dass alles an seinem Platz war.
Der Blick ihrer Mutter fiel auf die Tasche. „Hast du diesmal auch etwas Buntes eingepackt?“
„Mutter. Schwarz hat Stil. Außerdem passt alles zusammen. Du kennst mich doch.“ Sie lächelte.
Ihre Mutter trat näher und strich ihr über den Rücken. „Du weißt, dass andere Kinder …“
„Ich weiß“, unterbrach sie Iluna sanft. „Aber ich bin nicht wie andere Kinder.“
Das Licht im Zimmer schien dunkler zu werden und wirkte einen Hauch violett.
„Bist du nervös?“ Iluna überlegte kurz. „Ein bisschen“, sagte sie dann. „Aber eher neugierig. Weißt du etwas über die Akademie?“
„Ich war in meiner Jugend öfter dort – eine Freundin besuchen. Hohe, helle Gebäude, Gärten, überall Magier aus allen Völkern. Für mich war es… etwas zu magisch. Ich bin dafür nicht so begabt wie sie – oder wie du. Aber sie hat es dort geliebt und viele Freunde gefunden.“ Sie lächelte. „Wir waren damals die einzigen Menschen, die im Garten saßen und plauderten. Wir mussten immer lachen, wenn alle so taten, als würden sie uns nicht anstarren.“
Sie atmete tief ein, ließ den Blick über ihre Tochter schweifen und zog sie kurz an sich. „Du wirst deinen Weg gehen.“
Iluna schwieg einen Moment, nickte und griff nach ihrer Tasche. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie sich ihre Mutter eine Träne wegwischte, bevor sie sich zur Tür wandte.
„Komm. Dein Vater wartet.“
Draußen stand die Kutsche, vor die ein großes Tharvyn gespannt war. Es schnaubte und scharrte ungeduldig mit den Hufen. Iluna strich ihm über die Nüstern, bevor sie ihre Tasche in die Kutsche warf und sie sich zu ihrem Vater auf den Kutschbock setzte.
„Na dann kann’s losgehen“, sagte er und schnalzte mit der Zunge. Das Tharvyn setzte sich in Bewegung und die Kutsche fuhr mit einem kleinen Ruck los.
Iluna hob die Hand und winkte ihrer Mutter, dann richtete sie ihren Blick nach vorne. Das neue Leben an der Akademie erwartete sie.

✦ ✦ ✦

Lorik klappte den Koffer zu. Er hatte alles dreimal überprüft – Werkzeug, Bücher, Kleidung – und war sich trotzdem nicht sicher, ob er irgendetwas Wichtiges vergessen hatte.
„Du hast die Zange eingepackt."
Sein Vater stand im Türrahmen der Werkstatt und wischte die Hände in einen Lappen. Lorik öffnete den Koffer wieder und legte die Zange auf die Werkbank.
Sein Blick fiel auf die alte Schraubenmutter, die dort neben einem verblassten Bild von ihm lag – er musste vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, die Schraubenmutter damals fast so groß wie seine Faust.
„Darf ich die mitnehmen?"
Sein Vater warf einen kurzen Blick darauf. „Natürlich. Es ist deine."
Lorik steckte sie in die Hosentasche und klappte den Koffer wieder zu.
„Und lern was Vernünftiges", sagte sein Vater, nahm seinen Werkzeuggürtel vom Haken und hängte ihn sich um. „Magie ist schön, aber wenn du weißt, wie man damit eine Pumpe repariert, ist das mehr wert als alles andere."
Lorik grinste. „Ich weiß."
„Mach keinen Unfug." Sein Vater warf ihm einen kurzen Blick zu und seufzte.
„Ich mache keinen Unfug“, entgegnete Lorik. „Das waren Experimente.“
„Experimente, Unfug – zwei Worte für ein und dasselbe.“
„Aber sie waren interessant.“
„Das stimmt“, grinste Lorik Vater und trat aus der Werkstatt. „Das Lastmobil steht bereit."


Kapitel 2
Myrrion war überwältigend. Lorik legte seinen Kopf in den Nacken und betrachtete die hohen Gebäude. Überall flatterten bunte Fahnen im Wind, Marktstände drängten sich auf den Plätzen. Die Luft war erfüllt von Stimmen, Musik und Gerüchen nach Gewürzen und frischem Gebäck. Vor ihm spannte sich eine Brücke über den schmalen Fluss Daron, der Myrrion durchschnitt. In der Ferne konnte er schon die Gebäude der Akademie sehen, die sich auf einem kleinen Hügel über die Stadt erhoben.
Sein Vater hatte ihn bis zum Stadttor gebracht und musste dann umkehren – ein wichtiger Auftrag, wie so oft. Er hatte ihm noch einen Beutel mit einigen Kupfer- und Silberstücken in die Hand gedrückt, ihn umarmt und viel Glück gewünscht – und war schon wieder unterwegs zu seinem Kunden.
Lorik setzte seinen Weg fort. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und langsam wurde er hungrig. Der kleine Handkarren mit seinem Koffer rumpelte über das Pflaster und übertönte kaum das Knurren seines Magens. Vor einem der Markstände hielt Lorik an, kaufte ein gefülltes Brot und biss hinein. Gerade wollte er wieder aufbrechen, als ihn ein lauter Ruf zusammenzucken ließ.
„Achtung!“
Ein Tharvyn kam schnaubend dicht vor ihm zum Stehen. Er machte einen Satz zurück und stolperte. Sein Koffer rutschte vom Karren, fiel zu Boden und sprang auf. All seine Habseligkeiten lagen verstreut auf dem Boden.
„Ach herrje, ist dir etwas passiert?“
Der Mann am Kutschbock drückte dem Mädchen neben ihm die Zügel in die Hand, sprang hinunter und half dem Klirn hoch.
Lorik klopfte den Staub aus seiner Kleidung und rieb den Ellenbogen. „Alles gut. Ich habe nicht aufgepasst, es tut mir leid.“
Er sammelte seine Kleidung auf und stopfte sie seufzend in seinen Koffer.
„Du willst zur Akademie?“, fragte das Mädchen vom Kutschbock.
„Woher weißt du das? Kannst du Gedanken lesen?“ Lorik sah überrascht zu ihr hoch.
„Nun ja, das ist doch offensichtlich – du hast ein Buch über Magie dabei.“ Sie zeigte auf den dicken Band, der am Boden lag.
„Oh. Äh. Ja. Ich bin Magier. Also, ich will einer werden. Und ich soll mich an der Akademie melden“, stammelte Lorik und legte das Buch auf den Kleiderhaufen.
„Na dann spring auf, wir nehmen dich mit. Übrigens, ich bin Iluna.“
„Lorik. Vielen Dank!“
Er schloss seinen Koffer und warf ihn in die Kutsche. Die Kutsche war für Menschen gebaut – viel höher als die kleinen Gefährte der Klirn. Lorik musste sich strecken, um hinaufzukommen. Er machte es sich bequem. Iluna kletterte vom Kutschbock auf die Sitzbank und musterte ihn.
„Du sitzt, als würdest du gleich wieder aufspringen. Entspann dich – ich tu dir nichts.“
Lorik blinzelte überrascht. „Ich… ich bin nur nicht oft in so großen Kutschen gefahren.“
Iluna nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. „Dann ist heute ein guter Tag, um damit anzufangen.“

✦ ✦ ✦

Die Kutsche rumpelte durch enge Straßen, überquerte eine Brücke und fuhr schließlich den Hügel hinauf. Die steinernen Gebäude der Magierakademie glänzten hell in der Sonne, hohe Türme und spitze Bögen reckten sich in den Himmel. Vor dem Tor hielt die Kutsche an.
Lorik sah sich um. Vor ihnen öffnete sich ein weiter Hof. Heller Stein bedeckte den Boden, unterbrochen von schmalen Fugen, aus denen kurzes Gras und Moos wuchsen. Niedrige Beete säumten die Wege, bepflanzt mit Kräutern und blühenden Pflanzen. Zwischen den Gebäuden lagen kleine Gärten mit Bänken aus Stein und Holz.
Über ihnen spannten sich Galerien und Brücken zwischen den Gebäuden. Von oben konnte man Stimmen hören, Lachen, das Geräusch von Schritten auf Stein.
Die Magie war fast greifbar. Blaue Lichtpunkte schwebten durch die Luft und es knisterte, als Lorik einen davon mit dem Finger anstupste.
„Das kitzelt!“, rief er überrascht.
„Es sind Funken von Myratha“, erklärte ein Klirn-Mädchen, das gerade eine Reisetruhe von einem Lastmobil wuchtete. „Ich habe darüber gelesen. Sie zeigen sich dort, wo die Magie dichter ist.“
Sie wischte die Hände an ihrem Kleid ab und trat vor die beiden Neuankömmlinge, die gerade von der Kutsche gesprungen waren. „Ich bin Nyxie“, sagte sie und streckte den beiden die Hand hin.
Lorik zögerte einen Moment, dann ergriff er sie. Ihre Hand war warm, weich – und ein wenig feucht. Unauffällig versuchte er, sie an seiner Hose abzuwischen, doch Nyxies Blick folgte seiner Bewegung.
„Entschuldige. Ich glaube, meine Linie ist die Wasserlinie der Fließenden – es passiert mir immer wieder, dass ich Wassertröpfchen auf den Händen habe.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wisst ihr schon, welchen Linien ihr folgen werdet?“
Iluna schüttelte den Kopf. „Ich warte ab, was mir am meisten liegt.“
„Ich habe immer in der Werkstatt meines Vaters geholfen“, sagte Lorik. „Und er meinte, manchmal hätte es gefunkelt, wenn ich mich richtig auf ein Werkstück konzentriert habe – deshalb hat er mich nach Myrrion geschickt. Ich habe schon überlegt, was zu mir passen könnte. Vielleicht wähle ich die Metall-Linie der Standhaften. Aber die Feuer-Linie der Unfassbaren würde mich auch interessieren.“ Er seufzte. „Ich habe schon so viel darüber gehört – ich kann mich nicht entscheiden.“
„Du musst dich jetzt noch nicht festlegen. Mach es doch wie Iluna – warte ab, was dir am besten gefällt und worin du gut bist“, sagte Nyxie lächelnd.
Dankbar nickte Lorik und wandte sich an Iluna. „Und wie war es bei dir?“
„Mein Zimmer hat violett geleuchtet. Danach meinte meine Mutter, es wäre sinnvoll.“
Immer wieder gingen Magier an ihnen vorbei, grüßten und eilten weiter. Manche waren allein, andere in Begleitung ihres Bindlings.
„Seht mal, ein Tröpfling!“, rief Nyxie begeistert und klatschte in die Hände. „Wie toll wäre es denn, wenn ich bei der Bindungszeremonie auch einen bekommen würde?“
„Warte ab“, sagte Iluna grinsend. „Bis dahin vergehen noch ein paar Jahre.“ Sie warf einen Blick auf die anderen Neuankömmlinge, die ihre Taschen, Koffer und Truhen im Hof abgestellt hatten, sich unterhielten oder müde auf ihren Gepäckstücken saßen. Ein pelziger Hinterkopf erregte ihre Aufmerksamkeit.
„Ein Korlok? Ich wusste gar nicht, dass es bei ihnen auch Magier gibt.“
„Sicher nicht oft. Ich glaube, viele sind Rufer“, überlegte Nyxie.
Ein alter, groß gewachsener Lunari-Magier betrat den Hof, begleitet von einem kleinen, warm leuchtenden Wesen, das ihn umschwirrte.
„Oh, ist sein Bindling ein Flammenspinner?“, flüsterte Lorik. Doch bevor er eine Antwort bekam, erhob der Mann seine Stimme.
„Alle Neuankömmlinge kommen bitte in die Große Halle. Kuniq wird euch den Weg weisen.“ Er nickte seinem Bindling zu, der aufgeregt hin und her flitzte. Nach einem strengen Blick des Magiers wurde Kuniq ruhiger. Er leuchtete pulsierend auf und schwebte voraus – immer darauf bedacht, dass ihm alle folgen konnten.

✦ ✦ ✦

Die Große Halle lag im Hauptgebäude – ein riesiger Saal, getragen von schlanken Säulen aus weißem Stein. Hohe, schmale Fenster ließen Tageslicht herein und zeichneten helle Streifen auf den Boden. Die Reihen dunkler Holzbänke waren fast alle schon besetzt, nur vorne waren noch ein paar leer. Jüngere Schüler saßen weiter hinten im Raum, an den Seiten die Magier, die bereits die Bindungszeremonie hinter sich gebracht hatten. Ihre Bindlinge saßen auf Schultern, schliefen zusammengerollt am Boden, schwirrten durch die Luft oder kuschelten sich in Armbeugen. Nyxie betrachtete sie mit sehnsuchtsvollem Blick. Iluna stupste sie leicht mit dem Ellenbogen an. „Komm – dort vorn sind unsere Plätze. Es sind schon fast alle belegt.“
Nyxie riss ihren Blick los und ging nach vorne. Kaum hatten sie sich gesetzt, trat der Lunari-Magier nach vorn – derselbe, den sie zuvor schon gesehen hatten.
„Willkommen an der Magierakademie von Myrrion“, begann er. „Mein Name ist Thyren, ich leite diese Schule.“
Er ließ seinen Blick über die Neuankömmlinge schweifen. „Ihr wurdet hierhergeschickt, weil bei euch magische Fähigkeiten erkennbar waren, die über einem normalen Maß an Magie liegen. In den nächsten Jahren werdet ihr eine Ausbildung in den grundlegenden Fähigkeiten erhalten und eure Linie finden, die ihr nach eurer Bindungszeremonie vertiefen werdet.“
Er lächelte, als sein Bindling eine leuchtende Spirale durch die Luft zog.
„Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Willen.
Der Theorie-Unterricht findet vormittags statt – allgemeine Magiekunde. Am Nachmittag lernt ihr die verschiedenen Linien kennen: Theorie, erste Eindrücke, erste Versuche.
Zu den Prüfungen am Ende des ersten Jahres – vor dem nächsten Thiraval – wählt ihr die beiden Linien, die euch am meisten liegen. Im zweiten Jahr vertieft ihr sie, gemeinsam mit den Drittklässlern.
Am Ende des zweiten Jahres wählt ihr eure Hauptlinie, die ihr im dritten Jahr studiert und vertieft.
Das dritte Jahr endet schließlich mit der Zeremonie, bei der sich euer Bindling offenbart und sich an euch bindet – oder auch nicht.“
Thyren wartete einen Augenblick, bevor er weitersprach.
„Das vierte Jahr dient jenen, deren Bindung erfolgt ist, der Vertiefung ihrer Unterlinie und der Arbeit mit dem Bindling. Ihr lernt, mit ihm zu wirken, Verantwortung zu tragen und eure Magie zu beherrschen.
Nicht jeder Weg führt bis hierher – und nicht jeder, der diesen Saal verlässt, hat versagt. Manche erkennen früher, dass ihre Zukunft anderswo liegt. Auch das ist Teil des Weges.“
Ein leises Raunen ging durch den Saal. Einige der Neuen wechselten kurze Blicke, aber auch aus den Reihen der älteren Schüler war Getuschel zu hören. Nyxies Finger krallten sich in den Stoff ihres Rocks. Sie war entschlossen, alles – alles – daranzusetzen, einen Bindling zu bekommen.
Thyren räusperte sich, und das Gemurmel verstummte.
„Der heutige Tag dient dem Ankommen. Der Unterricht beginnt morgen Früh. Ihr bekommt drei Mahlzeiten am Tag im Speisesaal. Zu den Essenszeiten und zum Unterrichtsbeginn ertönt ein Gong – findet euch rechtzeitig in den jeweiligen Räumen ein. Ihr könnt euch jederzeit an eure Lehrer wenden, wenn ihr Fragen habt.“
Thyren warf einen Blick auf die acht Neuen in der vordersten Reihe, die wie gebannt zu ihm hochblickten.
„Ihr bezieht jeweils zu zweit eine Kammer – sucht euch aus, mit wem ihr das Schuljahr verbringen wollt. Einer der älteren Schüler wird euch anschließend zu den Zimmern bringen. Aber nun genug fürs Erste.“
Er breitete er die Arme aus. „Willkommen an der Akademie.“

(...)
Myratha