Borun verstummte. Der Nachklang seiner letzten Worte verhallte über dem Dorfplatz. Es blieb still – als hätte niemand bemerkt, dass die Geschichte bereits zu Ende war. Die flackernden Lichter des Feuers spiegelten sich in seinen Augen, und der warme Wind spielte mit den Rändern seines groben Umhangs. Er stützte sich mit seinen Tatzen auf den Erzählerstab und ließ seinen Blick langsam über die Menschen wandern, die sich um das große Feuer versammelt hatten. Wie so oft war es die Legende von der Geburt Myrathas und ihrer Völker gewesen, die sie hatten hören wollen.
Nicht oft kam ein Wandererzähler wie er in diese Gegend. Borun hatte die Gabe, seine Erzählungen lebendig wirken zu lassen – nicht nur durch Worte, sondern durch das, was zwischen ihnen geschah. Seine Stimme trug Bilder, seine Gesten zogen Linien in die Luft, und wenn er sprach, schien der Wind stiller zu werden. Es war Magie – Magie, wie sie nur ein Meister hervorbringen kann.
Es dauerte einen Moment, bis sein Publikum in die Wirklichkeit zurückfand.
Ein kleiner Junge, der inmitten der Gruppe saß, rief plötzlich: „Und was ist mit der Darrak-Wüste und den Verbotenen Ländern, hoch oben im Norden?“
Sein Freund, der neben ihm saß, stieß ihm den Ellenbogen zwischen die Rippen und zischte ihn an: „Sei still, das bringt Unglück!“
Ein unruhiges Flüstern und Murmeln ging durch die Menge, man konnte das Unbehagen fast greifen. Trotzdem waren alle Blicke mit gespannter Erwartung auf den Wandererzähler gerichtet – man hörte nie etwas über diese Länder, höchstens vage Gerüchte und schreckliche Schauergeschichten.
Borun ließ einen Moment verstreichen, sein Blick blieb ruhig, doch etwas in seiner Haltung veränderte sich. Seine brummige, tiefe Stimme durchbrach die gespannte Stille, als er antwortete: „Es sind Gegenden, die nicht Teil der Legende sind – aber ich werde euch erzählen, was ich darüber weiß.“
Er strich sich durch das zottelige Fell unter seiner Schnauze und sprach weiter. Seine Stimme klang leiser als zuvor – ruhiger, aber fest, als wolle er sich selbst daran erinnern, dass es seine Aufgabe war, Wissen zu tragen, Erinnerungen zu bewahren und das zu erzählen, was sonst vergessen würde.
„Die Darrak-Wüste liegt im Südwesten. Jeder weiß, wo sie ist – und die meisten wissen genug, um ihr fernzubleiben. Sie ist heiß, trostlos und unbarmherzig.“
Borun sah einen Moment lang ins Feuer, ehe er weitersprach.
„Man sagt, am Horizont, dort, wo die Luft in der Hitze flimmert, sieht man manchmal seltsame Formen – nicht natürlich, nicht klar. Als würde dort etwas existieren, das verworfen wurde. Oder besser: nie entstanden wäre.
An den Ausläufern der Darrak, dort, wo der Sand in festen Boden übergeht, kann man Spuren finden – dreizehige Abdrücke mit scharfen Klauen, tief in den Fels geprägt, als hätte die Zeit keinen Zugriff auf sie.
Manche sagen, mitten in der Wüste liege ein Tal, verborgen zwischen Felsrücken und Sand. Fruchtbar, aber unzugänglich. Es soll die Heimat von etwas Altem sein – etwas, das schon zu Beginn der Welt alt gewesen war. Älter als die Zeit. Lange bevor die Völker entstanden.“
Borun ließ seinen Blick über die versammelte Dorfgemeinde schweifen und verweilte bei dem kleinen Jungen.
„Niemand geht freiwillig hinein. Und wer es doch tut… kehrt nicht zurück.“
Er atmete einmal tief durch, dann fuhr er fort.
„Die nördliche Gebirgskette… Man nennt sie Thornak. Sie erstreckt sich wie eine unüberwindliche Wand zwischen dem Land der Korlok und dem nördlichen Brakkelmeer. Eine Mauer aus Fels, Wind und Kälte. Niemand weiß, was hinter ihr liegt – und keiner hat je versucht, es herauszufinden. Es gibt keine Pässe. Keine Wege. Nur schroffe Klippen, tiefen Schnee und ein Schweigen, das selbst den Wind zum Verstummen bringt. Wenn ein Korlok von Thornak spricht, tut er es selten laut. Nicht, weil er sich fürchtet – sondern weil er weiß, dass manche Orte nicht angesprochen werden wollen.“
Borun machte eine Pause und ließ seinen Blick über die Zuhörer schweifen. Als er weitersprach, klang seine Stimme tiefer und trug einen dunklen Ton in sich, der die Luft kälter wirken ließ.
„Und wer denkt, Thornak sei das Ende… der hat noch nie von Narkh’Mor gehört.“
Ein dumpfes Raunen ging durch die Menge, selbst die Kinder spürten, dass etwas daran anders war als bei einer gewöhnlichen Geschichte.
„Narkh’Mor liegt ebenfalls im Norden, aber viel weiter östlich als das Thornak-Gebirge. Es ist ein Land ohne Wege, ein totes Land. Rote, staubige Erde, öde, gebrochen, durchzogen von tiefen Spalten, von denen man sagt, dass sie bis zum Mittelpunkt der Welt reichen würden. Und es ist voller Magie, aber keine Magie der Art, die uns bekannt ist. Es ist Magie, die keinen Ursprung in dieser Welt hat. Fremd. Störend. Man sagt, Narkh’Mor könne nicht durchquert werden, ohne dabei wahnsinnig zu werden. Es frisst deine Gedanken und saugt dir die Seele aus dem Leib…“
Nach einer kurzen, unangenehmen Stille fragte der Junge erneut:
„Und… was liegt jenseits dieser Orte?“
Doch noch während Borun nach einer Antwort suchte, meldete sich ein Mädchen:
„Kannst du das Lied von Myratha und ihren Kindern singen?“
Zustimmendes Gemurmel erklang von allen Seiten. Borun nickte. Das Lied zu singen war gewiss nicht seine liebste Aufgabe, aber immer noch besser, als zu erzählen, was sich jenseits der nördlichen Gebiete befand. Darauf hatte er nämlich keine Antwort. Und es war nicht gut für einen Wandererzähler, wenn er Fragen nicht beantworten konnte.
Er hob an und begann, mit seiner tiefen Stimme zu singen. Nach den ersten Klängen stimmten alle in das Lied mit ein: