Borun verstummte. Seine Worte waren verklungen, doch die Bilder der Legende Myrathas verblassten erst jetzt in der kühlen Abendluft. Er ließ den Blick über sein Publikum schweifen.
Erst als sich jemand räusperte, setzte leises Murmeln ein. „Er ist wahrlich ein Meister“, flüsterte jemand bewundernd. „Der beste Wandererzähler, den ich je gehört habe.“ „Das stimmt – ich hatte das Gefühl, selbst dabei gewesen zu sein“, meinte jemand anderer mit ehrfürchtiger Stimme. „Es war so… real – als hätten wir die Entstehung Myrathas erlebt.“
Kinder huschten mit Metkrügen und Fruchtsäften durch die Reihen, priesen die Getränke an und füllten die hingehaltenen Becher gegen ein paar Kupferstücke. Borun strich mit der Pranke über seine Schnauze und nahm dankbar den kleinen Krug Met entgegen, den ihm ein Thalrakar-Junge reichte. Als Meister-Wandererzähler standen ihm Kost und Logis zu, doch noch war der Tag nicht zu Ende – eine letzte Geschichte würde er heute noch erzählen. Borun hob den Kopf. In der Ferne hörte er das Meer rauschen, vermischt mit den Klängen des Thiraval und feiernder Thalrakar. Korash, die Stadt, in der er heute zu Gast war, lag im Süden der Salzebenen, direkt an der Küste des Brakkelmeers. Sie war nicht sonderlich groß, jedoch prunkvoll, wie die Thalrakar es schätzten. Fahnen und Girlanden flatterten in der salzigen Brise, Musiker spielten auf und ein Duft von frischem Gebäck und süßen Kuchen zog über den Platz. Während des Thiraval legten die Thalrakar besonderen Wert darauf, ihren Wohlstand zu zeigen und sowohl die eigenen Leute als auch Besucher aus anderen Völkern zu beeindrucken. Er trank einen Schluck vom Met und drehte den Becher in seiner Tatze – selbst dieser war kunstvoll verziert.
Borun schüttelte den Kopf und dachte nach. Die Thalrakar hatten es im Lauf der Geschichte weit gebracht. Sie waren Händler, Geschäftsleute, Seefahrer – ein Volk, das mit Instinkt, Witz und ein wenig List zu Wohlstand gekommen war. Zumindest die meisten. Besitz und Reichtum waren so fest in der Kultur der Thalrakar verankert, dass kaum jemand noch fragte, woher sie kamen – nur, wer sie hatte und wie geschickt er sie zu halten wusste. Man zeigte, was man hatte, und sah genau hin, was andere trugen und taten. Borun wusste, dass es in jeder Stadt jene gab, die glänzten – und jene, die gelernt hatten, zwischen Glanz und Schatten zu leben. Und nun wusste er auch, welche Geschichte er heute erzählen würde. Er stellte seinen Becher beiseite und erhob sich. Sofort wurde es still, die letzten Zuhörer setzten sich, rückten zusammen und sahen ihn erwartungsvoll an.
„Ich erzähle euch nun die Geschichte von Sirka, einer jungen Thalrakar“, begann er. Mit Boruns ersten Worten veränderte sich die Luft, flimmerte und wirkte dichter, Geräusche schienen zu verstummen, und die Magie war fast greifbar. „Sie lebte vor langer Zeit in Skarnis.“ Seine Stimme wurde ruhiger, tiefer. Es knisterte leise, die Umgebung verlor an Kontur. Eindrücke einer vergangenen Zeit nahmen Gestalt an. „Sie war eine Waise. Woher sie kam, wusste niemand.“
Kapitel 2
„Sirka! Wo bist du schon wieder? Komm sofort her!“
Die Stimme von Ranka, der Waisenmatrone, schallte über den Hof. Ein knapp achtjähriges Mädchen mit schwarzen Locken und grünen Augen duckte sich hinter ein Fass und spähte vorsichtig um die Ecke. Die Matrone stand mit dem Rücken zu ihr. Sirka erhob sich und schlich auf Zehenspitzen über den Platz, doch als sie kaum drei Schritte weit gekommen war, drehte sich die Frau rasch um. „Ah, hier bist du! Warum versteckst du dich? Es ist ein Ehepaar gekommen, das dich adoptieren möchte. Du solltest dich waschen und kämmen! Und sieh nur, wie dein Kleid aussieht – völlig schmutzig und der Saum ist eingerissen. Was machst du nur?“ Ranka seufzte und nahm das Mädchen an der Hand.
„Ich will nicht adoptiert werden!“ rief Sirka und wehrte sich gegen den festen Griff der Matrone. „Dann darf ich bestimmt meine Freundin nicht mehr sehen!“
„Du solltest richtige Freunde haben, Sirka. Keinen schmutzigen Vogel.“
„Das ist kein schmutziger Vogel!“, widersprach Sirka vehement. „Es ist eine Elster! Sie ist klug und sauber und sie ist immer für mich da.“
Wie aufs Stichwort ertönte von einem nahen Baum ein lautes Keckern. Ranka sah über die Schulter zu dem schwarzweißen Vogel, der den Kopf schief legte und sie zu beobachten schien. Sie schüttelte den Kopf, zog Sirka mit sich ins Haus und schlug die Tür zu. Im Inneren des Gebäudes war es kühl und sauber. Sirkas bloße Füße hinterließen schmutzige Abdrücke auf dem Steinboden. Ranka seufzte und schob Sirka in einen Raum, in dem das Ehepaar bereits auf sie wartete. Die Frau trug ein dunkelrotes Kleid aus edlen Stoffen, das bei jeder Bewegung schimmerte. Die Frisur saß perfekt, der rubinfarbene Ohrschmuck unterstrich die goldene Farbe ihrer Augen. Ihr Gatte war ebenso edel gekleidet und trug einen Reisemantel, darunter einen dunklen Anzug. Eine goldene Spange zierte das Revers und auch bei ihm war der Ohrschmuck passend gewählt. Man konnte sofort den Reichtum des Paares und den Status erkennen – wie es bei den Thalrakar üblich war.
„Hier ist sie. Ihr Name ist Sirka, sie ist acht Jahre alt.“
Ranka schob das widerspenstige Mädchen vor das Ehepaar. Die Frau trat einen halben Schritt zurück und ihre Mundwinkel verzogen sich angewidert. „Sie ist schmutzig. Und ungepflegt.“
„Das kann man ändern“, antwortete der Mann und trat an Sirka heran. Er hob ihr Kinn, blickte ihr in die Augen, drehte ihren Kopf hin und her und ging einmal um sie herum. „Sie hat das richtige Alter, auch der Rest passt.“ Er wandte sich an die Matrone. „Weiß man etwas über ihre Herkunft?“
„Nein – sie lag als Baby eines Morgens vor unserer Tür, nur in ein fadenscheiniges Tuch gewickelt. Keine Hinweise auf ihre Eltern. Sie kann nur ein paar Wochen alt gewesen sein.“
„Gut.“ Der Mann wandte sich an seine Gattin. „Wir nehmen sie.“
Er zog einen schwer wirkenden Beutel aus der Manteltasche, warf einen kurzen Blick hinein, zog ihn wieder zu und warf ihn achtlos auf den Tisch. „Der vereinbarte Betrag.“
Ranka nahm ein Formular aus einer Schublade. „Bitte unterschreiben Sie hier.“
Sie hielt dem Mann einen Füller entgegen. „Sie erklären damit, das Mädchen bei sich aufzunehmen und das Waisenhaus aus der Verantwortung zu entlassen.“
Der Thalrakar nickte, warf einen kurzen Blick auf das Schriftstück und weiter auf den Füllhalter, den ihm die Matrone noch immer entgegenstreckte. Dann zog er seinen eigenen Füller aus der Innentasche – deutlich edler und wertvoller – und setzte eine große, geschwungene Unterschrift unter den Vertrag. Ranka unterschrieb daneben.
„Somit wären die Formalitäten erledigt“, sagte sie, und griff nach dem Beutel mit den Münzen.
„Ich wünsche euch viel Freude mit Sirka.“ Ihr Blick folgte dem Mädchen, das an der Hand des Mannes nach draußen gezogen wurde. Sie würde es gut haben. Bestimmt.
(...)